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Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas - das machen an Mauern und Stacheldraht endende Straßen sehr deutlich. Doch unter der Erde zeigt sich ein anderes Bild. Die Kanalisation transportiert die Abwässer der zypriotischen Hauptstadt ohne Behinderung durch Grenzposten oder Absperrungen zur einzigen Kläranlage der Stadt, die im türkischen Teil liegt. Trotz gewaltsamer Teilung und anhaltenden politischen Auseinandersetzungen zwischen Zyperngriechen und Zyperntürken arbeiten die beiden Bürgermeister seit mehr als zwanzig Jahren erfolgreich zusammen, um die Abwasserprobleme ihrer Stadt gemeinsam zu lösen.
Was im Kleinen funktioniert, scheint im Großen aber noch in weiter Ferne zu liegen. Beim Problem der Wasserversorgung verfolgen die beiden Teile Zyperns unterschiedliche Wege, obwohl auf der gerade einmal 9.251 Quadratkilometer großen Insel eine Zusammenarbeit bitter Not tun würde, um ökologische Schäden und Kosten zu begrenzen.
Zypern hat das typische Mittelmeerklima mit heißen, trockenen Sommern und milden, feuchten Wintern. Der jährliche Niederschlag liegt im Durchschnitt bei nur 500 Millimetern. Davon verdunsten etwa 80 Prozent. Wasserknappheit entsteht jedoch weniger durch die geringe Niederschlagsmenge als vielmehr durch starke Schwankungen. Die Hälfte des Niederschlags fällt in den beiden Wintermonaten Dezember und Januar, während es von April bis Oktober so gut wie gar nicht regnet.
In den späten 50er Jahren führte der verstärkte Einsatz der Tiefbrunnenbohrung zu einer Absenkung des Grundwasserspiegels und zur Versalzung vieler grundwasserführender Schichten. Seit den 60er Jahren und vor allem seit der Teilung Zyperns 1974 wurden im südlichen, griechischen Teil der Insel aufwändige Umleitungs- und Stausysteme realisiert, die das Niederschlags- und Abflusswasser aus dem Troodos-Gebirge sammeln. Inzwischen bilden riesige Wasserspeicher die Hauptquelle der Wasserversorgung in der Republik Zypern. Die Lagerungskapazität in den Staudämmen hat sich von 6 Millionen Kubikmetern im Jahr 1960 auf heute 274 Millionen Kubikmeter erhöht, und nach zwei regenreichen Wintern sind die Becken zu etwa 70 Prozent gefüllt. Darüber hinaus produzieren zwei Meerwasser-Entsalzungsanlagen täglich bis zu 100.000 Kubikmeter Trinkwasser. Damit ist der Wasserbedarf im Moment gesichert.
Im zyperntürkischen Norden sieht es weit ungünstiger aus, denn dort fehlen wasserliefernde Gebirge. Auch hier wurden mehrere Staudämme gebaut, die jedoch aus technischen und finanziellen Gründen ungleich bescheidenere Dimensionen annehmen. Besonders in der landwirtschaftlich intensiv genutzten Mesaoria-Ebene wird im Durchschnitt doppelt soviel Wasser verbraucht wie aus natürlichen Quellen wieder zufließt. Die Staudämme allein stellen keine Lösung des Wasserproblems dar, denn langfristig können die winterlichen Regenfälle den ständig steigenden Wasserverbrauch keinesfalls kompensieren. Deshalb setzt die nur von der Türkei anerkannte "Türkische Republik Nordzypern" auf Wasserimporte vom türkischen Festland. In den Jahren 2001 und 2002 wurden insgesamt 1,5 Millionen Kubikmeter in den Inselnorden transportiert - in langen Plastikschläuchen, die von Schiffen 75 Kilometer weit übers Meer geschleppt werden. Viel zu wenig. Und die geplante Ausweitung dieses Projektes stößt auf technische und wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die norwegische Firma, die den Wassertransport bislang übernommen hatte, musste inzwischen Konkurs anmelden. Nun wird nach neuen Möglichkeiten des Wassertransportes gesucht - den Bau einer Meerwasser-Entsalzungsanlage kann man sich hier finanziell nicht leisten.
Aber Zypern braucht immer mehr Wasser. Nicht nur für die wachsende Zahl an Touristen, die inzwischen sogar mit Golfplätzen angelockt werden. Es ist vor allem die Landwirtschaft, die entscheidend zum hohen Wasserverbrauch beiträgt. Die Gesamtfläche des urbaren Gebietes in Zypern beträgt 436.000 Hektar. 21 Prozent des bebauten Bodens werden bewässert; etwa vier Prozent das ganze Jahr. Besonders wasserintensiv ist der Anbau von Zitrusfrüchten, die zu den wichtigsten Exportprodukten Zyperns zählen. Und obwohl die Landwirtschaft nur mit fünf Prozent zur Wirtschaftsleistung der Republik Zypern beiträgt, wird die Produktion ständig ausgeweitet, ungeachtet des enormen ökonomischen und ökologischen Aufwandes für die Bereitstellung des notwendigen Wassers.
Eine inselweite, grenzüberschreitende Wasserpolitik wäre eine grundlegende Voraussetzung, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Doch es fehlt nicht nur am politischen Willen. Eine Zusammenarbeit wird auch durch technische Probleme erschwert. Die Wasserbehörden in beiden Inselteilen arbeiten mit unterschiedlichen Bemessungsansätzen und Prüfprogrammen, so dass Planung und Betrieb von wasser- und abwassertechnischen Anlagen nicht aufeinander abgestimmt werden können. Um eine künftige Zusammenarbeit zu ermöglichen, müssen auf beiden Seiten vereinheitlichte Prüfprogramme implementiert und das Personal entsprechend geschult werden.
An diesem Punkt setzt ein Projekt des Deutsch-Zyprischen Forums an, dessen erste Phase im Jahr 2000 abgeschlossen wurde. In Zusammenarbeit mit dem Leichtweiß-Institut für Wasserbau der TU Braunschweig wurden Ingenieure aus beiden Teilen Zyperns über vereinheitlichte Methoden informiert und in den dazugehörigen Technologien geschult. Ergänzt wurde die Fortbildung durch die Einführung in EU-Standards über nachhaltige Wasserbewirtschaftung. Da der nördliche Teil der Insel noch nicht in die EU-Beitrittsvorbereitungen integriert ist, kommt der Einbeziehung der türkisch-zyprischen Ingenieure eine besondere Bedeutung zu. Die gemeinsame und grenzüberschreitende Bearbeitung der Wasserprobleme bietet sich zudem als Friedensprojekt an, das Entfremdung und Misstrauen zwischen den Volksgruppen entgegenwirkt und Brücken in die Zukunft baut. Eine Fortsetzung des Projektes ist in Planung.
Dorothee Pilavas, 12. August 2003
Erschienen in Academia, Oktober 2003
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