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Freitag, der 13. Dezember 2002. Für die Bewohner der Mittel-meerinsel Zypern steht heute viel auf dem Spiel. Wird es ein schwarzer Freitag werden? Oder wird dieser Tag als Beginn einer neuen Friedensära in die Geschichte eingehen?
Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas - das machen an Mauern und Stacheldraht endende Straßen sehr deutlich. Doch unter der Erde zeigt sich ein anderes Bild. Die Kanalisation transportiert die Abwässer der zypriotischen Hauptstadt ohne Behinderung durch Grenzposten oder Absperrungen zur einzigen Kläranlage der Stadt, die im türkischen Teil liegt. Trotz gewaltsamer Teilung und anhaltenden politischen Auseinandersetzungen zwischen Zyperngriechen und Zyperntürken arbeiten die beiden Bürgermeister seit mehr als zwanzig Jahren erfolgreich zusammen, um die Abwasserprobleme ihrer Stadt gemeinsam zu lösen.
Ein kühler Dezembermorgen in Zyperns geteilter Hauptstadt Nikosia. Die Sonne hat die hier so seltenen Regenwolken der gestrigen Nacht vertrieben. Wir stehen vor dem Hotel und warten auf Hayati und Eleftherios. Gemeinsam wollen wir heute ein neues Projekt starten. Wir sind aus Italien und Deutschland gekommen, um in Zypern über die europäische Integration zu sprechen. Gestern in Bozen und Dortmund hat es noch geschneit - jetzt scheint zumindest schon mal die Sonne.
Warten ist nicht gerade meine Stärke. Doch in Zypern lernt man, geduldig zu werden. 28 lange Jahre warten die Zyprioten bereits auf den Frieden und die Wiedervereinigung ihrer Insel. Heute könnte es wahr werden, dieses Wunder. In Kopenhagen treffen sich die Regirungschefs der EU-Mitgliedsländer und Beitrittskandidaten. Sie werden über den Beitritt der Insel zur Europäischen Union entscheiden. Und sie werden darauf drängen, dass der Friedensplan für Zypern endlich unterschrieben wird. Ganz Zypern wartet mit Hoffen und Bangen auf dieses Wunder.
Grieche oder Türke?
Endlich biegt ein kleines Auto um die Ecke. Zwei Männer steigen aus. Ein paar dunkelbraune und ein paar leuchtend blaue Augen mustern uns erwartungsvoll. Welcher ist nun "der Grieche" und welcher "der Türke"? "Wir sind Zyprioten", sagt Eleftherios und dann gibt es erst mal links und rechts ein Küsschen auf die Wange, ganz nach zypriotischer Art. Bei einer Tasse Kaffee lernen wir uns kennen.
Hayati Yasamsal ist türkischer Zypriot und lebt eigentlich in Famagusta, das heute Gazimagusa heißt und im türkischen Nordteil der Insel liegt. Eleftherios Eleftheriou ist griechischer Zypriot und lebt im südlichen Teil von Nikosia. Beide engagieren sich für Menschenrechte. Sie kennen sich von bikommunalen Treffen im Ausland, denn griechische und türkische Zyprioten können sich normalerweise auf der Insel gar nicht begegnen. Seit die türkische Armee 1974 einmarschiert ist, trennt eine streng bewachte Demarkationslinie die beiden Bevölkerungsgruppen voneinander. Um seinen Freund im Süden zu besuchen, musste Hayati eine weite Reise über Istanbul und Athen auf sich nehmen. Die "Green Line", wie die Demarkationslinie hier genannt wird, ließ man ihn nicht passieren.
Wir treffen die beiden als Vertreter zweier Menschenrechtsorganisationen - der "Rights and Freedom Association" aus dem Norden und der "International Association for the Protection of Human Rights" aus dem Süden. Aus Italien sind drei Wissenschaftler der Europäischen Akademie Bozen nach Zypern gekommen. "Wir beschäftigen uns mit internationalen Rechtsfragen, mit dem Schutz von Minderheiten und untersuchen das Zusammenleben verschiedener Volksgruppen in den Ländern Europas", erklärt Orsolya Farkas, die zum ersten Mal in Zypern ist und hier erfahren möchte, welche Schwierigkeiten das Leben auf einer geteilten Insel mit sich bringt. Den Kontakt zu den zyprischen Menschenrechtsvereinen haben wir vom Deutsch-Zyprischen Forum hergestellt - eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Annäherung von griechischen und türkischen Zyprioten einsetzt. Gemeinsam wollen wir nun in Zypern Seminare organisieren, in denen es um EU-Recht, europäische Integration und Menschenrechte gehen soll.
Schlechte Nachrichten aus Kopenhagen
Ein Handy klingelt. "Was gibt es Neues?", fragt Hayati einen Freund, der in Kopenhagen den EU-Gipfel verfolgt. "Denktasch ist nicht gekommen." Der türkisch-zyprische Volksgruppenführer sollte wie sein griechisch-zyprischer Verhandlungspartner Klerides in die dänische Hauptstadt reisen, um den Friedensplan für Zypern zu unterzeichnen. Doch er ist immer noch im Krankenhaus in Ankara, wo er sich nach einer schweren Herzoperation erholt. Statt dessen hat er seinen Außenminister geschickt. Hayati schüttelt missmutig den Kopf.
UN-Generalsekretär Kofi Annan hat einen umfassenden Plan zur Lösung des Zypernkonfliktes vorgelegt. Demnach soll es künftig zwei Bundesstaaten auf Zypern geben - einen griechisch-zyprischen im Süden und einen türkisch-zyprischen im Norden - mit einer gemeinsamen Zentralregierung, die das Land nach außen vertritt. Mit den Unterschriften unter diesen Plan soll es möglich werden, ein vereintes Zypern in die EU aufzunehmen. Die griechische Seite hat bereits ihre Zustimmung signalisiert, auch die meisten türkischen Zyprioten wollen als Bürger eines vereinten Zyperns der EU beitreten. Diesen Wunsch haben sie in den vergangenen Monaten in großen Friedensdemonstrationen bekundet. Doch Denktasch hat sich bislang jeder Lösung verweigert
Südtirol als Modell
Wir haben uns inzwischen auf einen gemeinsamen Plan für unser Projekt geeinigt. Bereits im Februar soll der erste Workshop stattfinden, egal ob mit oder ohne Wiedervereinigung. Anhand verschiedener Beispiele aus anderen europäischen Ländern sollen die Seminarteilnehmer erfahren, wie das Zusammenleben verschiedener Volksgruppen in einem Staat funktionieren kann und welche Probleme dabei zu berücksichtigen sind. Eines der Beispiele wird Südtirol sein. Auch hier waren zähe Verhandlungen notwendig, um zu einer von allen Seiten akzeptierten Lösung zu kommen. Heute gehört Südtirol zu einer der blühendesten Regionen Italiens. Die europäische Integration hat ihre Heilkraft bewiesen.
Wieder klingelt ein Handy. Eleftherios runzelt die Stirn. "Klerides will jetzt auch nicht mehr unterschreiben", lautet die schlechte Nachricht. Wir hören von fieberhaften Bemühungen der griechischen und türkischen Regierungen, die beiden Seiten doch noch zur Zustimmung zu bewegen. Angeblich soll Denktaschs Außenminister verschwunden sein. Die Gerüchteküche brodelt.
Bikommunale Seminare
Wir haben mittlerweile die Universität in Nikosia besucht und mit verschiedenen Professoren gesprochen. Die Zustimmung zu unserem Projekt ist groß. Vor allem weil wir uns dafür einsetzen, dass griechische und türkische Zyprioten, die sich über die langen Jahre der Trennung fremd geworden sind, gemeinsam an den Seminaren teilnehmen sollen. Dabei sind wir auf die Hilfe der UNO angewiesen, die uns Räumlichkeiten in der Pufferzone zur Verfügung stellen kann. Mit Sondergenehmigungen und ein bisschen Glück müsste es zu schaffen sein. Schließlich ist die direkte menschliche Begegnung und die gemeinsame Arbeit an konkreten Problemen die beste Medizin gegen Ängste und Feindbilder.
Am Nachmittag sitzen wir in einem Café an der Makarios Avenue, Nikosias größter Einkaufsstraße. Hier reihen sich internationale Banken an noble Geschäfte und Boutiquen. Vierspurig schiebt sich der dichte Verkehr vorbei, Limousinen, Jeeps, jede Menge Taxen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Viele junge Leute bevölkern das Café. Eine Tasse Kaffee kostet zwei zyprische Pfund, umgerechnet 3,50 Euro. Man kann es sich leisten. Auf der anderen Seite der "Green Line" herrscht dagegen Friedhofsruhe. In den engen Gassen der Altstadt gibt es kaum noch Geschäfte. Die international nicht anerkannte "Türkische Republik Nordzypern" hängt wirtschaftlich am Tropf der Türkei und muss mit der inflationären türkischen Lira zurechtkommen.
"Jetzt sind wir Europäer"
Am Abend ist alles klar. Wir müssen ein weiteres Mal unsere Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Zypernkonfliktes begraben. Der Annan-Plan wurde nicht angenommen. Die Türkei hat kein festes Datum für den Beginn der Beitrittsverhandlungen bekommen. Aber Zypern wird im Jahr 2004 zusammen mit neun anderen Ländern Mitglied der Europäischen Union werden - ob wiedervereinigt oder nicht. Trotzdem soll weiter verhandelt werden. Die UNO hat einen neuen Termin gesetzt: Bis zum 28. Februar 2003 soll der Friedensplan endgültig unterschrieben werden.
Als wir ins Hotel zurückkehren werden wir freudig begrüßt. "Jetzt sind wir Europäer!", ruft die Wirtin und prostet begeistert den Fernsehbildern aus Kopenhagen zu. Uns ist nicht nach Feiern zumute. Wir denken an die türkischen Zyprioten, die auf die Straße gegangen sind und demonstriert haben für Europa, für den Annan-Plan und für den Frieden. Wieder sind sie enttäuscht worden. Die griechischen Zyprioten haben jetzt den Joker in der Hand: Sie werden EU-Bürger werden, das steht fest. Freitag der 13. - so nah liegen Glück und Verzweiflung beisammen.
Dorothee Pilavas
7. Februar 2003
Erschienen im Südtiroler Wochenmagazin FF, Februar 2003
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